Mehrfachbeschäftigung wird in Deutschland zum bitteren Überlebenskampf
Amelie SeidelMehrfachbeschäftigung wird in Deutschland zum bitteren Überlebenskampf
Leben in Deutschland ist in den letzten zehn Jahren deutlich teurer geworden – die Mieten haben sich in vielen Regionen fast verdoppelt. Für junge Berufstätige reicht ein einziger Minijob oft nicht einmal mehr, um die grundlegenden Lebenshaltungskosten zu decken. Immer mehr Menschen steigen daher in die Mehrfachbeschäftigung ein, halten also mehrere Jobs gleichzeitig, um über die Runden zu kommen – angesichts steigender Arbeitslosigkeit und wirtschaftlicher Unsicherheit.
In Berlin sind die Mieten seit 2014 um 69 Prozent gestiegen, was viele Mieter an den Rand ihrer finanziellen Möglichkeiten bringt. Eine Autorin, die seit einem Jahr zwei Teilzeitstellen in Redaktionen gleichzeitig ausübt, gibt offen zu, dass selbst ein Job nicht ausgereicht hätte, um die Miete zu bezahlen. Da beide Positionen befristet sind, spiegelt ihre prekäre Situation einen größeren Trend wider: Kündigungswellen und niedrige Löhne machen festangestellte Vollzeitjobs zunehmend unzuverlässig.
Besonders hart trifft es junge Frauen. Die Arbeitslosigkeit unter Hochschulabsolventinnen erreichte Anfang 2026 einen Rekordwert, was viele in prekäre Beschäftigungsverhältnisse drängt. Eine Umfrage des Bildungsportals Academized aus dem Jahr 2025 ergab, dass die Hälfte der 26- bis 41-Jährigen mittlerweile mindestens einen Nebenjob ausübt. Viele Vollzeitstellen zahlen so schlecht, dass Arbeitnehmer kaum ihre Existenz sichern können – von Rücklagen für die Rente ganz zu schweigen.
Die Anzahl der Teilzeitstellenausschreibungen ist seit 2020 um fast 69 Prozent gestiegen, vor allem in Großstädten. Für Menschen wie die genannte Autorin bedeutet das: 50 bis 60 Stunden Arbeit pro Woche, verteilt auf mehrere Jobs, sind oft die einzige Möglichkeit, finanziell zu überleben. Freiberufliche Projekte füllen zwar die Lücken, doch der Dauerstress ist erschöpfend – und für viele unvermeidbar.
Mehrfachbeschäftigung ist längst keine freiwillige Entscheidung mehr, sondern bitterer Alltag für die deutsche Mittelschicht. Bei stagnierenden Löhnen und explodierenden Lebenshaltungskosten ist das Arbeiten in mehreren Jobs zur Normalität geworden. Ohne grundlegende Veränderungen wird sich der Teufelskreis aus Instabilität und Überlastung voraussichtlich weiter verschärfen.






